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Sicheres Gespür für Poesie und virtuose Spieltechnik

Kantorin Christiane Hrasky mit überzeugendem Beitrag
Reichenbach. Der Anfang ließ an den „gefürchteten“ Bach denken, der bei Orgelprüfungen gleich mit ganzer Kraft loslegte, weil er wissen wollte, ob das Instrument eine „große Lunge“ hat. Ganz so begann Kantorin Christiane Hrasky am Montag in der Trinitatiskir­che ihr Konzert zum Reichenbacher Orgelsommer. Bei Nicolaus Bruhns Prä­ludium e-Moll trumpfte zunächst das Pedal mächtig auf, und danach kam so ziemlich alles hinzu, was in der Macht der beiden Manuale lag. Im weiteren Verlauf des Abends wurde es jedoch auch oft zart und leise und die besonde­re Vertrautheit der Solistin mit der Eule-Orgel war bei jedem Takt zu spüren.
So kam die anrührende, versponne­ne Poesie der Altmeister Bruhns und Pachelbel durch die Wahl kontrastreic­her Register sehr schön zur Geltung.
Bei Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge a-Moll beeindruckten der couragierte, polarisierende Beginn sowie die bis zum Schluss demonstrierte runde Technik. Die Fuge hätte vielleicht etwas mehr Kraft und innere Bewegung haben können, aber das kann auch eine Frage der interpretatorischen Auffassung gewesen sein. Bei Felix Mendelssohn Bartholdys Präludium und Fuge d-Moll zeigte Christiane Hrasky, in welch hohem Maße sie in der Musik zu Emotion und gestalterischer freiheit finden kann. Dabei wurde nichts übertrieben,
alles blieb noch im redlichen, ge­sanglichen Fluss. Wird Mendelssohn mit einer solchen Sorgfalt und Hingabe auf der Orgel interpretiert, fragt man sich: Warum werden immer seine Orchesterwerke als Erstes genannt?
Die überaus zahlreich erschienenen Zuhöhrer wurden am Montag auch mit Klängen aus dem 20. Jahrhundert kon­frontiert. Während Dimitri Kaba­lewskis Toccata ein glänzend bewältigtes technisches Kabinettstück war, führten die vier kurzen Stücke von Mauricio Kagel in eine Welt frei schwebender, skurriler Motive; die vielfältige Assoziationen auslösen können. Die Solistin überzeugte bei dieser Aufgabe durch eine wirkungsvolle Registrierung und sensible Klangmalerei, während die rhythmische Struktur des ei­nen oder anderen musikalischen Segments hätte durchaus noch etwas schärfer gefasst werden können.
Insgesamt jedoch bewies das Kon­zert, dass Christiane Hrasky im zurückl­iegenden Jahr musikalisch eine enor­me Entwicklung genommen hat. Ihre Spieltechnik kann nicht anders als virtuos bezeichnet werden, und sie hat auch gestalterisch entschieden weiter an Profil gewonnen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass sie sich als Kirchenmusikerin nicht ausschließlich der Orgel widmen kann, sondern noch vielfältigen anderen Aufgaben nachgeht. (vm)